Was hat es mit der Bewegung des „Quantified Self“ auf sich? Welche Faktoren sind die bestimmenden Einflussgrößen der Selbstanalyse durch Daten-Tracking? Und welche Chance ergibt sich daraus gerade für die Gesundheitsbranche? Der denkwerk-Stratege Marcel Zauche hat sich damit beschäftigt und gibt Einblicke in seinen Vortrag beim Kongress „I Like Health“ am 18. Oktober 2012.
Angefangen hat für mich alles mit einem Geschenk: ein Sensor-Kit für meine Nike-Laufschuhe. In Kombination mit einem iPod kann ich so meine Joggingrunden aufzeichnen: zurückgelegte Strecke, Geschwindigkeit, verbrauchte Kalorien usw. Zunächst erschien mir der technische Schnickschnack überflüssig. Dann habe ich aber schnell gemerkt, wie die regelmäßige Auswertung meiner Läufe und der Vergleich mit anderen Läufern der Nike-Community meinen Ehrgeiz wecken. Seitdem gehöre ich dazu: The Quantified Self.
Der Begriff wurde der von den amerikanischen Wired-Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly geprägt. Dahinter steckt die kontinuierliche Aufzeichnung und Analyse von persönlichen Daten als Grundlage für gezielte Verhaltensänderungen. Diese Daten werden z.B. mit Sensoren in Schuhen aufgezeichnet bzw. getrackt – deshalb spricht man auch von „Self Tracking”. Das Anwendungsspektrum reicht von Sport bis hin zum Management von chronischen Krankheiten.

Warum machen die das?
Warum immer mehr Menschen ihre Leistungen tracken oder chronische Krankheiten mit kontinuierlicher Datenanalyse in den Griff bekommen, erfährt man erst, wenn man sich mit den Rahmenbedingungen beschäftigt. Da sind zum Beispiel die technischen Entwicklungen, die sich gerade in den letzten Jahren ergeben haben:
- Die Cloud ermöglicht es, Daten jederzeit und an jedem Ort zur Verfügung zu stellen.
- Sensoren werden immer kleiner und preisgünstiger, was dazu führt, dass immer mehr Geräte damit ausgestattet werden und so z.B. Schrittfrequenz oder Blutzucker messen können.
- Smartphones verbreiten sich rasant. Damit auch die Anzahl der jederzeit verfügbaren Messinstrumente, denn Smartphones sind geradezu vollgestopft mit Sensoren (von GPS über den Gyrosensor bis hin zum Kompass).
- Geräte und Dienste, speziell für das Self Tracking, erobern den Alltag – z.B. mein Nikeplus Set, die Waage von Withings, die Pulsuhr von Basis oder die faszinierende Tablettendose von vitality.
Dank dieser neuen Möglichkeiten werden immer mehr Menschen zu Self Trackern, was sich auch daran zeigt, dass das namengebende Netzwerk der Bewegung stetig wächst.
Aber nicht nur technische Entwicklungen spielen eine Rolle, auch persönliche Motivationen sind ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis:
- Die Beschäftigung mit sich selbst liegt im Trend.
- Die Suche nach Objektivität (Daten lügen nicht) wird in einer zunehmend komplexen Welt immer wichtiger.
- Selbstoptimierung ist in unserer Leistungsgesellschaft ein wichtiger Antrieb.
- Der Austausch mit Gleichgesinnten und gemeinsame Ziele steigern die Motivation.

Besonders interessant sind die Auswirkungen für die Gesundheitsbranche.
Denn wenn mehr Menschen bessere Kontrolle über ihre Vitalfunktionen haben und Zusammenhänge besser verstehen, werden bald immer mehr mündige Patienten in den Praxen sitzen:
- Patienten, die im Internet recherchieren, bevor sie zum Arzt gehen.
- Patienten, die Daten über sich sammeln und mitbringen.
- Patienten, die Behandlungsmethoden anzweifeln und selbst Vorschläge machen.
- Und vielleicht schon bald: Patienten, die sich selbst behandeln?
Das muss Ärzten und anderen Stakeholdern aus der Gesundheitsbranche aber keine Angst machen. Im Gegenteil, es ist eine Chance:
- Für ein kooperativeres und produktiveres Verhältnis zum Patienten bzw. Kunden.
- Für bessere Entscheidungen auf Grundlage von kontinuierlicher Datenaufzeichnung .
- Für Zeitersparnis durch „Insourcing“ von Patienten als Experten in eigener Sache.
- Für die Steigerung der Motivation von Patienten und damit den Erfolg von Therapien.
Um diese Chancen zu nutzen, müssen in Zukunft einige Voraussetzungen erfüllt werden:
- Zuverlässige Daten-Schnittstellen für den Austausch zwischen Gesundheitsdienstleistern und Patienten müssen geschaffen werden.
- Design und User Experience von Tracking-Anwendungen müssen einfacher werden und Spaß machen.
- Der einfache Austausch mit Gleichgesinnten muss ermöglicht werden.
- Kooperatives Lernen muss zugelassen werden.
Die Zukunft der Gesundheitsbranche wird spannend! Ich werde dran bleiben und die Entwicklungen genau tracken.
Kurzer Bericht und weitere Bilder des Medien Management Instituts
[...] Self ist ein spannendes Thema, kam bei mir diese Woche auch wieder durch den Denkwerk Artikel auf.. Seitdem muss ich eine Basis Uhr haben bzw. habe schon eine vorbestellt.Passend zum Thema ist [...]
[...] http://heise.de/tr/thema/Quantified-Self http://en.wikipedia.org/wiki/Quantified_Self http://denkwerk.com/2012/10/23/the-quantified-self/ http://ted.com/talks/gary_wolf_the_quantified_self.html [...]