25.10.2012

von kcyra

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London calling…

Eine Woche ist vergangen seit die Future of Mobile beendet ist und „The Brewery“ im Herzen der Londoner City ihre Pforten für die mobile geeks und aficionados wieder geschlossen hat. Zeit also für einen Rückblick.

Bericht von Katharina Cyra, Informationsarchitektin, Tag 1-2:

Angekündigt hat sich die #FOM12 (zusammen mit der Future of Web Apps 2012) als Event, das nicht nur die Visionäre der Mobile-Branche auf die Bühne holt, sondern vor allem cutting-edge Insights für Developer und (UX-)Designer bereit hält. Und das war nicht zu viel versprochen: In drei Tracks gaben insgesamt 39 Speaker in 44 Vorträgen ihr Insider-Wissen zum Besten – was uns als Konferenz-Besucher ganz gut auf Trab hielt.


Die Keynote von Jeffrey Zeldman (@zeldman) Gründer von A List Apart zum Thema „The New Craft of Web Design“ war der Kickoff der Konferenz und brachte die Teilnehmer mit einigen anschaulichen, wenn auch überhaupt nicht spektakulären Website-Beispielen zu einem einfachen und eindeutigen Schluss: die schier unendliche Zahl an (Mobile) Devices lässt es einfach nicht zu, dass wir handfeste Annahmen über den Nutzungskontext der User machen können. Was bedeutet das für das Web Design? Wir brauchen ein Design, das so essentiell ist wie Wasser… oder Salz. Zu esoterisch? Ok, formulieren wir es einfacher: Web Design muss immer funktionieren. Wie? Content und Accessability first. So einfach kann es sein.

In diese Kerbe schlug auch Rising Star Dan Donald (@hereinthehive) mit seinem Vortrag zu „Reactive Web Design: Designing with context“ und der ersten Feststellung: Webseiten müssen als flexibler Begriff verstanden werden. Responsive Design steht nicht nur für Fluid Grids und JQuery. Nein, Responsive Design bedeutet auch im nachhaltigen Sinn kultureller Wandel. Nach knappen 20 Jahren seines Bestehens können wir feststellen: Das Web wird erwachsen. Und auch wir sollten uns von statischen Denkschemata befreien. Daten machen nur Sinn, wenn sie verknüpft werden und am Ende Sinn und Nutzen für den User ergeben. Und: Wir werden nicht mit der Entwicklung neuer Devices Schritt halten können. Unsere digitalen Produkte sollten dies aber allemal. Und wieder einmal landet unser Speaker bei der Erkenntnis: Content First und verweist auf Karen McGrane und ihren Vortrag „Adapting Ourselves to Adaptive Content“.

Mein persönlicher Favorit beendet den Tag mit einem für diese Konferenz eher ungewöhnlichen Auftritt: Einem Look, der an die Uni in Cambridge oder Oxford erinnert und einem Vortrag, der komplett ohne technischen Support auskommt. Zudem bringt uns sein Thema nach einem Run durch die Evolution von Devices, Web und Payment-Lösungen, Facts, Clients und Lean UX auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Vortrag von Ben Hammersley (@benhammersley) zu „Stillness and Mindfulness in Digital Design“ beginnt mit der Frage an wie viele Telefonnummern wir uns eigentlich aus dem Stehgreif erinnern? Zwei oder Drei? Mehr brauchen wir auch gar nicht. Haben wir ja alles gespeichert und in der Hand- oder Hosentasche parat. Diese basale Funktion aller Handsets ist aber lange nicht alles, was uns das Smartphone abnimmt. Das exponentielle Wachstum der Fähigkeiten und Möglichkeiten macht nicht nur Vorfreude, sondern treibt vielen – gerade politischen – Entscheidern die Schweißtropfen auf die Stirn. Es fehle an interdisziplinärem Austausch und vor allem am Hinterfragen der politischen und kulturellen Ideen, die hinter digitalen Angeboten stehen. Mit einem Appell an das Publikum, die Annahmen und Hintergründe unseres persönlichen (digitalen) Konsums zu überprüfen, entlässt uns Ben Hammersley in den wohlverdienten ersten Feierabend.

Erin Zinman: Native, HTML5, and Hybrid Mobile App Development: Real-Life Experiences; Fotonutzung mit freundlicher Genehmigung von Future Insights

Der zweite Tag startet mit einer Keynote von Daniel Appelquist (@torgo) und „The Future of the Future of the Machine to Machine“ und zeigt uns vor allem die Spielwiese für Entwickler, die sich durch Arduino, ein Open Source Prototyping-Tool in diesem Bereich aufmacht. Dieser low-cost Mikro-Controller erlaubt es, unterschiedliche Devices zu verknüpfen und sie zu steuern… wie zum Beispiel eine grandiose Fisch-Fütterungs-App! Vielleicht nicht jedermanns Sache, aber immerhin bringt sie Daniels Aussage gut auf den Punkt: „Think outside the rectangle (= Smartphone)“. Erst wenn wir beobachten, was in der Welt da draußen passiert, experimentieren und ausprobieren, können wir neue multi-modale „Experiences“ entwickeln.

Auch Louisa Heinrich (@customdeluxe) greift am Nachmittag das Thema Machine to Machine in ihrem Vortrag „Where does Service Design go in an Internet of Things?“ auf und stellt fest: „Digital – It’s gone from option to necessity“. So etwas haben wir schon geahnt. Was ist daran neu? Neu ist das Thema für viele Unternehmen, die man nicht als Digital Native bezeichnen kann und die dem Nutzer viele singuläre, digitale Service Design Lösungen bieten (bspw. das C&A Fashion Like) – die häufig an den Bedürfnissen und der Realität der Nutzer vorbeigehen. Die Zukunft gehört den Living Services. Denjenigen, die das menschliche Leben in relevanter Art und Weise unterstützen (z. B. Anwendungen des Quantified Self) und neue Formen der Interaktion verbinden. Für die zukünftige multi-multi-modale Welt, die uns vor neue Probleme stellt, sollten wir auch neue Skills heranziehen. Warum nicht einen Choreographen, Quanten-Mathematiker oder Sound Designer zu Rate ziehen, wenn Daten interpretiert und etwas wirklich Neues entwickelt werden soll?

Nachdem uns so viele Visionen einer vernetzten Welt präsentiert wurden, schließt Bruce Lawson (@brucel) den zweiten Konferenz-Tag mit ein paar hilfreichen Tipps zum Thema „How to destroy the web“. Sehr unterhaltsam und äußerst subversiv führt er uns vor Augen, welche Standards übergangen werden müssen, um ein Web für einige wenige Privilegierte und Ausgewählte zu bauen.

Was haben wir also aus London und von der FOM/FOWA 2012 mitgenommen? – It’s all about people. And context. Experiment with everything! Und ein paar fun facts: Ein durchschnittlicher Handy-Nutzer (der westlichen Welt) schaut 150 Mal täglich auf sein Handy/Smartphone, das ist ein Blick alle 6,5 Minuten. In Afrika liegt die Zahl bei „nur“ 85 Mal am Tag. Und es gibt auf unserer Erde mehr Mobile Devices als Zahnbürsten.

In diesem Sinne: As creators of the web we shape the future of the web. (Dan Donald)

Future Insights und Carsonified sind die Hosts einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Die nächste findet schon Ende November in Prag statt: “Future of Web Design“.

Bericht von Philipp Saile, Senior Informationsarchitekt, Tag 3:

Am Anfang und am Ende steht der Nutzer

Am letzten Tag der dreitägigen Konferenz stand der Workshop mit Erik Loehfelm (@eloehfelm) auf dem Programm. Erik ist Executive Vice President bei Universal Mind und unterrichtet als Lehrbeauftragter für Interaktionsdesign am College of Art and Design in Grand Rapids, Michigan/USA.

Sein Workshop behandelte das Thema “Designing an elegant Mobile User Experience across multiple devices and platforms”. – Wenn Du denkst, es könnte anstrengend sein, sieben Stunden lang im fensterlosen Keller der altehrwürdigen Londoner “The Brewery” zu sitzen und das umfangreiche Prinzip der nutzerzentrierten Produktentwicklung zu besprechen, dann liegst Du falsch.

Zu Beginn wurde ausführlich über die verschiedenen Analysemethoden, wie qualitative Nutzerbefragung oder strategische Positionierungsmodelle gesprochen. Laut Erik gilt es immer die Bedürfnisse des Nutzers zu verstehen. Seiner Meinung nach gibt es z.B. zahlreiche Apps im Tauchsport Bereich, in denen Detaildaten zum Tauchgang protokolliert werden können. Aber keine erlaubt dem Nutzer, seine emotionalen Taucherlebnisse festzuhalten. Wenn ich zum ersten Mal einem Riffhai begegne, dann möchte ich dieses Erlebnis in der App dokumentieren. Detaildaten wie das verwendete Sauerstoffverhältnis werden dann zweitrangig, fügt er an.


Anschließend wurde die ideale Ausarbeitung von Personas und Nutzerszenarios behandelt. Doch bevor die Position des von den Kunden heißgeliebten “Buy Buttons” definiert werden kann, gilt es, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie, wo und wann wird das Produkt genutzt und in welchem Kontext? Erst wenn der Kontext der Produktnutzung klar ist, sollte man mit der Ausarbeitung der Idee in Form von Scribbles und Wireframes beginnen, betont Erik. Im Anschluss wurde gemeinsam eine App-Idee entwickelt und in wenigen Minuten via Live-Sketching auf dem iPad mit Paper visualisiert.


Der letzte Teil des Workshops widmete sich dem Thema “Agile Entwicklung und Rapid Prototyping”. Erik zeigte den Teilnehmern, wie einfach ein Prototype mit FluidUI umgesetzt werden kann.

Am Ende eines langen Tages gefüllt mit Informationen zu Methoden, Guidelines, Werkzeugen und Erfahrungswerten steht das allgemeine Fazit: Letztlich entscheiden immer die Nutzer, ob das Produkt ihre Wünsche erfüllt und sie den Service wiederholt in Anspruch nehmen werden – nicht die Position und Größe des “Buy Buttons”.

Inspiriert und mit leichten Air-Con-Halsschmerzen verließen wir das pulsierende London.

Weiterführende Links:

Digitale Produktentwicklung – Der denkwerk Prozess mit Methodenkompendium
iPad Sketching App
Mobile UI Patterns
Mobile Prototyping

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