• 6 months ago / Bianca Gockel

Für Menschen designen

KF mit Marc Hassenzahl

Ein Leben voll von glücklichen Momenten, Wohlbefinden und Zufriedenheit ist Lebensziel vieler Menschen. Doch was hat das Ganze mit dem Design von interaktiven Technologien zu tun? Genau dies verriet uns Dr. Marc Hassenzahl beim letzten Kreatifrühstück mit seinem Vortrag „Wellbeing through Interaction Design“.

Er ist Professor für „Ubiquitous Design / Experience and Interaction“ an der Universität Siegen. Aber keine Angst! Er beschäftigt sich nicht mit abgehobenen wissenschaftlichen Theorien, sondern betreibt anwendungsorientierte Forschung, von der wir uns auch einiges bei der Gestaltung neuer Produkte abgucken können. Mit seinem Team von Designern und Psychologen untersucht er die Theorie und Praxis vergnügliche, sinnvolle und transformierende interaktive Technologien zu schaffen.

Wir alle werden von unseren tiefsten inneren Bedürfnissen angetrieben. Es gibt zahlreiche Modelle in der Wissenschaft, die diese Bedürfnisse beschreiben. Dr. Marc Hassenzahl fasst folgende psychologischen Bedürfnisse zusammen: Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit, Popularität, Stimulation und Körperlichkeit. Werden diese Bedürfnisse erfüllt, fühlen wir uns einfach gut. Häufig steht diese Bedürfnisbefriedigung auch im Zusammenhang mit der Interaktion mit Dingen der physischen Welt. Daher: Warum soll man nicht die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt des Designs stellen?

Dinge erzählen Geschichten – implizit und explizit, sie beeinflussen wie wir Dinge tun (unsere Praktiken). Aus diesem Grund ist es wichtig im Gestalten von Dingen diese Geschichten zu betrachten. Ist die Geschichte auch wirklich bedeutungsvoll für den Nutzer? Ein Beispiel: Fitness-Wearables wie FitBit, Endomondo und Nike+ erzählen eine Geschichte von Zählen von Schritten, Zeiten, Kilometern und verbrannten Kalorien. Es geht darum immer schneller, besser und kräftiger werden. Sei es in Challenge mit sich selbst oder anderen. Aus Pflicht zu seiner Gesundheit absolviert man sein strenges Fitnessprogramm. Gibt es hier nicht auch alternative Geschichten? Richtig – so tut es Zombies, Run! Der Lauf wird zum abenteuerlichen Überlebenskampf nicht von den Zombies eingeholt werden.

Vor diesem Hintergrund hinterfragt Dr. Marc Hassenzahl auch die Automatisierung von Prozessen. Nicht für jede Situation ist die der Weg, um unser Wohlbefinden zu steigern. Ein Beispiel dazu: Manch ein Autofahrer kann durchaus dem Einparken in kleine Parklücken ein positives Erlebnis abgewinnen. Er sieht es als Herausforderung möglichst geschickt das Auto in die Lücke hinein zu manövrieren. Im Gegensatz dazu parkt eine automatische Einparkhilfe zwar präzise ein, aber es macht auch keinen Spass mehr. Aus diesem Grund sollte man immer genau den Kontext und Nutzer betrachten, da eine gesteigerte Effizienz nicht immer mit einem guten Nutzererlebnis positiv korreliert.

Insgesamt ist es Dr. Marc Hassenzahl wichtig beim Finden von Innovation nicht nur auf die Probleme zu fokussieren, sondern auch die positiven Erlebnisse und die damit verknüpften Praktiken zu betrachten. Diese lassen sich möglicherweise auf andere Kontexte übertragen oder nutzen, um die Erlebnisqualität in einem Kontext weiter zu steigern. Als Vorgehen empfiehlt er früh ins Feld zu gehen und mit den Menschen zu sprechen. Das heißt nicht, dass umfangreiche Studien durchgeführt werden müssen. Ein paar Stunden vor Ort können je nach Fall schon ausreichen, um ein erstes Verständnis aufzubauen. Auf Grundlage dessen kann ein erster Prototyp konzipiert werden. Diesen kann man dann wiederrum ins Feld einbringen. So erhält man schnell Feedback ohne lange auf reinen Annahmen konzipieren zu müssen. Dieses Vorgehen lässt sich auch im Unternehmenskontext realisieren und führt dazu auch wirklich Technologien zu entwickeln, die bedeutungsvolle Momente für die Menschen kreieren.

Das Kreatifrühstück ist ein monatliches Event, das seit Sommer 2012 im denkwerk stattfindet. Ziel und Zweck ist, gemeinsam mit unseren Gastsprechern beim Frühstück über den (digitalen) Tellerrand des eigenen Arbeitsalltags hinwegzuschauen.