• 3 months ago / Kristyna Lyle

Ich bin aber kein Schriftsteller …

KF_Creative_Writing

Beim letzten Kreatifrühstück sprach die Autorin und Literaturstudentin Nina Rheinheimer über ihre Leidenschaft: kreatives Schreiben. Da sie selber schon acht Romane geschrieben hat, sind wir uns sicher, dass sie sich bestens auskennt. Falls ihr euch jetzt fragt, was Romanhandlung und -figuren mit Agenturarbeit zu tun haben, sagen wir nur: Viel mehr, als man glaubt!

Eins vorweg: Kreatives Schreiben ist nicht auf das Schreiben von Romanen beschränkt. Viele haben eine falsche Vorstellung davon, was kreatives Schreiben beinhaltet und wie Schriftsteller arbeiten. Die Berufsbezeichnung Autor ruft häufig ein vorgefertigtes Bild im Kopf hervor. Nicht wenige behaupten, dass das Schreiben ein allmächtiges Handwerk sei, welches nur wenigen Auserwählten vorbehalten bliebe. Aber die Wahrheit ist (jetzt kommt’s), dass wir ALLE Schriftsteller sein können! Ja, du hast richtig gelesen. Um unseren Standpunkt zu beweisen, lasst uns einen genaueren Blick darauf werfen. Liegen deine täglichen Aufgaben in den unten gelisteten Tätigkeitsbereichen?

 

  • Webseiten verwalten
  • Social Media
  • Brand Management
  • Kundenbetreuung
  • Abnahmekriterien definieren
  • Software-Dokumentation

 

Wenn ihr euch in der Liste wiederfindet, dann ist jetzt die Zeit gekommen, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Unabhängig von unserer Funktion verlassen wir uns alle auf Worte, um unsere Botschaften zu vermitteln – somit sind wir alle Schriftsteller. Tja, wer hätte das gedacht?

Das Verfassen von Webtexten oder kurzen und knackigen Postings für die Social Media-Kanäle unterscheidet sich tatsächlich stark von der Arbeit an Romanen oder Kurzgeschichten, aber eines haben sie alle gemeinsam: Inhalt ist Inhalt ist Inhalt und Content ist ja bekanntlich King. In unserer von Inhalten getriebenen Branche ist das Schreiben heute wichtiger denn je. So werden Wörter zu unserer Währung in der Online-Welt, in der wir uns, Kunden oder Marken präsentieren. Kreatives Schreiben und Storytelling lassen Unternehmen und Marken menschlicher und nahbarer erscheinen. Diese können so ihre Geschichte erzählen und Unternehmenswerte vermitteln. Worte sprechen für unsere Glaubwürdigkeit, Erfahrung und Expertise und ermöglichen es uns, unsere Zielgruppen unmittelbar anzusprechen und mit ihnen Beziehungen aufzubauen.

Noch nicht überzeugt? An alle, die glauben, sie seien keine Schriftsteller … ihr seid es, aber ihr wisst es vielleicht noch nicht. Hier, ein praktisches Beispiel: “Tony Davidson: 45, geschieden, keine Kinder, Produktionstechniker. Nach seiner Berufsausbildung absolvierte er eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Chevrolet. Er arbeitet seit 10 Jahren bei Ford als Produktionstechniker. Er liebt seinen Job und glaubt, dass Ford Qualitätsprodukte herstellt. Er ist ein großer Fan amerikanischer Muscle-Cars und in seiner Freizeit schraubt er sehr gerne an seinem 1968 Ford Mustang Shelby GT500. Er ist auf Social Media aktiv, hauptsächlich in seiner Muscle-Car-Fan-Gruppe, um Originalteile zu kaufen oder sich über lokale Autoshows zu informieren. Er besucht aber gelegentlich auch Ford-Profile und kommentiert den Inhalt.“ In der Agenturszene nennen wir Tony Davidson eine „Persona“, mit dessen ausführlicher Beschreibung wir eine „User Journey“ kreieren.

So langsam werdet ihr merken, dass sich das Schreiben und Texten in Agenturen nur wenig von der Erstellung literarischer Figuren oder einer Romanhandlung unterscheiden. Also, wenn ihr euch immer noch fragt, was das mit uns oder euch zu tun hat: einfach alles. Zugegeben, wir gehen vielleicht nicht so in die Tiefe über Hintergründe oder die Gefühle unserer "Protagonisten", aber wir nutzen den gleichen Denkprozess und das gleiche Wissen über Menschen, um die Bedürfnisse der Nutzer zu ermitteln. Wir, genauso wie unsere literarischen Langstreckenläufer, sind einfach nur Menschen, die für andere Menschen kreieren. Je mehr wir verstehen, desto besser können wir auf Ihre Bedürfnisse eingehen. Wie schaffen wir maßgeschneiderte Lösungen für Marken, Kunden und Nutzer? Recherche. Wir finden heraus, wer sie sind, was sie mögen und nicht mögen, wie sie denken, usw. Wir lernen sie kennen und befolgen die goldene Regel: Schreibe für die Leser — oder Nutzer, Kunden, Unternehmen, Marken … wen auch immer.

Wie in der Romanliteratur muss man sich zuweilen seine Leser vorstellen. Denn wenn du nicht weißt, für wen du schreibst, kannst du auch nicht schreiben, was sie lesen wollen. Wir kreieren diese „Figuren“, wie die obige Persona, um uns auf unsere verschiedenen Zielgruppen zu beziehen und im Idealfall das zu kreieren, was sie wollen oder brauchen. Und wenn wir unsere Arbeit richtig gemacht haben, haben wir etwas gesc haffen, von dem unsere Anwender noch nicht einmal wussten, dass sie es brauchen. Ob Romantikliteratur, ein Produkt oder eine Lösung: Sobald man für jemand anderen etwas Nützliches schafft, verschafft man auch der Welt ein Stück Mehrwert.

Falls du es noch nicht bereits bist, wirst du es bald sein: Ein weiterer Grund, sich für das kreative Schreiben zu interessieren, besteht darin, dass Worte Macht verleihen. Und mal ehrlich, wer möchte nicht gerne mächtig sein? Worte sind ein wirksames Mittel, um die Herzen und Köpfe der Menschen zu erreichen und zu beeinflussen. Durch bildhafte Sprache können wir eine emotionale Reaktion hervorrufen – positiv oder negativ – jenseits der wörtlichen Bedeutung. Warum das wichtig ist? Wenn wir die Emotionen der Leser beeinflussen können, dann können wir auch ihre Ansichten verändern und sie davon überzeugen, unseren Standpunkt einzunehmen oder sich mit einer Marke oder einem Produkt zu identifizieren. Da wir uns beim geschriebenen Wort nicht auf die Intonation der Stimme oder Mimik verlassen können, wie wir es in die gesprochene Sprache tun würden, müssen wir unsere Wörter mit Bedacht wählen. Wie William Howard Taft so schön sagte: „Schreibe nicht so, dass du verstanden wirst, schreibe so, dass du nicht missverstanden werden kannst.“

Es ist allgemein bekannt, dass der Aufstieg des Internets und der damit einhergehende technologische Fortschritt die Dynamik der Kommunikation und die Art und Weise, wie wir uns untereinander verbinden, völlig verändert hat. Wir nutzen die schriftliche Kommunikation heute regelmäßiger und öfter als je zuvor. Und während einige den Aufstieg der digitalen Medien als Tod des kreativen Schreibens betrachten, hat uns das Internet andererseits auch dazu gezwungen, Texte auf eine neue Weise zu nutzen. Kreatives Schreiben ist nicht mehr nur nice-to-have, es ist absolut notwendig geworden.

Danke Nina, für die interessante Präsentation, die wertvollen Tipps und die Erinnerung daran, dass wir alle Menschen sind, die für andere Menschen kreieren. Lasst uns ihnen Erlebnisse bieten, die ihnen Spaß bringen.

Das Kreatifrühstück ist ein monatliches Event, welches seit dem Sommer 2012 im denkwerk organisiert wird. Zweck ist, gemeinsam mit unseren Gastrednern bei einem Frühstück über den Tellerrand des eigenen Arbeitsalltags zu schauen.