• 4 months ago / Nina Rheinheimer

Psychologische Sicherheit als Schlüssel

Psychologische Sicherheit

“Wie fühlt ihr euch heute?” ist die Frage, die Santi Perez an den Anfang seines Vortrags im Rahmen des Kreatifrühstücks stellt. Niemand meldet sich – eine Bestätigung, dass sich unser Referent das richtige Thema ausgesucht hat. Es geht um psychologische Sicherheit. Noch nie gehört? Kein Problem! Selbst der extrovertierteste Mensch hat garantiert schon einmal eine Situation erlebt, in der er sich nicht getraut hat, im Team seine Gedanken auszusprechen. Der Grund dahinter ist häufig Unsicherheit und die Angst davor, sich zu blamieren. Jeder möchte vermeiden, dass die eigene Kompetenz angezweifelt wird. Diese Art von Selbstschutz ist natürlich auch am Arbeitsplatz wiederzufinden. So kann es passieren, dass sich im Team Konkurrenzverhalten breitmacht und manche Mitglieder des Teams das Ruder an sich reißen. Man begegnet dann dem Alphatier, das sich für den König des Projektes hält, und den Fluchttieren, die sich lieber ducken als vom Vorgesetzten oder von Teamkollegen gefressen zu werden. Die Folge: Ein schlechtes Gruppenklima und ein unbefriedigendes Ergebnis.

Santi stammt aus Pamplona (Spanien). Er war unser Praktikant im Kölner HQ und arbeitet jetzt bei hobby.denkwerk in Hamburg. „Letztes Jahr, habe ich mein Masterstudium in Stockholm an der Hyper Island University absolviert. Da haben die einen anderen Gestaltungsansatz,“ sagt Santi und weist darauf hin: „Die sind fest davon überzeugt, dass großartige Ideen und Lösungen aus Teams mit einer sehr kooperativen und offenen Umgebung kommen, weshalb Sie ihre Studenten dazu fordern sich nicht nur auf Problemlösung zu konzentrieren, sondern auch darauf, wie Sie interagieren und Beziehungen im Team aufbauen.“ In seinem Vortrag, erzählte er uns, was er in Stockholm gelernt hat: „Ich möchte das Bewusstsein dafür schärfen, wie eine kollaborative und offene Umgebung zu einer großartigen Lösung und hoffentlich zu einem guten Produkt führt.“ Dieser Ansatz ist nicht nur in Universitäten relevant– auch in großen Unternehmen findet er Anwendung.

Risiken eingehen und sich sicher fühlen

Google hat sich in seinem „Aristotle“-Projekt dem Thema angenommen und festgestellt, dass ein Team aus hochkarätigen Experten nicht automatisch das beste Ergebnis liefert. Bisher galt es gemeinhin als effizienter, in Meetings stur einer Agenda zu folgen. Das heißt im Klartext: Jeder spricht nur dann, wenn er dazu aufgefordert wird und beschränkt sich auf das Wesentliche. Abschweifungen vom Thema werden vom Gruppenleiter oder einem anderen Teammitglied im Keim erstickt. Gefühle haben bei der Arbeit nichts zu suchen, hieß es immer. Genau die braucht man aber, um die besten Ideen zu entwickeln, betont Santi. Nur wer sich für sein Team öffnet, wird auch wirklich verstanden. Jemanden kennenzulernen heißt nicht nur, den Namen, die Herkunft oder die beruflichen Fähigkeiten zu kennen. „Dazu gehören auch Ängste, Unsicherheiten und Gefühle“, erklärt Santi. “Wenn das Team weiß, warum ich mich nicht so gut konzentrieren kann wie sonst, können wir gemeinsam eine Lösung finden.“

Psychologische Sicherheit meint also, dass sich die Mitglieder des Teams sicher genug fühlen, um Risiken einzugehen. Das bedeutet, dass sie Ideen äußern können, ohne negative Konsequenzen für ihr Selbstbild, den Status im Team oder die Karriere befürchten zu müssen. Hand aufs Herz: Wer arbeitet nicht lieber in einem Team, in dem man seine Vorschläge ohne Scheu äußern kann? Die Frage ist nur, wie man das hinbekommt.

Wichtig ist, dass man beide Seiten der Beziehung unter die Lupe nimmt. Höre ich meinen Kollegen zu oder versuche ich nur, meine eigenen Ideen durchzuboxen? Zeige ich Interesse an ihrem Leben? Steht für mich das Gesamtergebnis oder mein eigenes Ego im Vordergrund? Jeder Mensch erzählt gerne von sich, wenn man ihn lässt – und wenn man im Gegenzug bereit ist, selber sprichwörtlich die Hosen herunterzulassen. Man könnte den Kollegen vom Besuch der Freundin erzählen, wie in Santis Beispiel, oder über die Lieblings-Fußballmannschaft quatschen. Wenn unser Gehirn den Kollegen nicht mehr unter der Kategorie „Feind“ abgespeichert hat, arbeitet es viel produktiver. Die Aufgabe eines Unternehmens ist es, solche Gesprächsräume zu ermöglichen, sei es mit dem Agentur-Kicker, einer gemütlichen Küche oder einem Kreatifrühstück. Psychologische Sicherheit bildet den Nährboden für das beste Team, und grundsätzlich gilt das Motto: Guter Teamgeist, gute Arbeit. 

Das Kreatifrühstück ist ein monatliches Event, das seit Sommer 2012 im denkwerk stattfindet. Ziel und Zweck ist, gemeinsam mit unseren Gastsprechern beim Frühstück über den (digitalen) Tellerrand des eigenen Arbeitsalltags hinwegzuschauen.